Text für Bewerbung Ortstermine in der Staatsbibliothek München
Ortstermin Staatsbibliothek: Ein Requiem. Buchtexte schwirren vom Chor rhythmisch gesprochen durch das große Foyer, Schritte von Menschen, die sich treppauf, treppab bewegen, hallen wider, Gesänge ertönen, Instrumente erklingen, projizierte Bilder schlagen Trommeln – das Haus der Bücher füllt sich mit Klang, mit Bewegung, mit Stille. Das siebte Flussrequiem von Thomas Heiber ist all jenen gewidmet, die durch ein Buch getötet wurden.
Können Bücher töten? In der Literatur findet sich das Motiv des tötenden Buches durchaus: in der Erzählung „Das Papierhaus“ von Carlos María Domínquez etwa oder in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“. Der Nachahmungstäter ist ein beliebtes Motiv der Kriminalliteratur. Doch in der Wirklichkeit? Sterben Menschen durch Bücher?
Können Bücher töten? In der Staatsbibliothek stehen sie nebeneinander, eines wie das andere, ohne Wertung, ohne Unterschied, Buch an Buch, Seite an Seite. In jedem Buch reihen sich Buchstaben zu Wörtern, Wörter zu Zeilen, Zeilen zu Absätzen, Absätze zu Kapiteln ... Ein endloses Spiel der Zeichen und Leerzeichen. Erst wenn wir sie lesen, nehmen sie Gestalt an, können sie in uns Gedanken, Bilder, Emotionen, Erinnerungen, Meinungen, Ideen, Vorstellungen, ja sogar Gerüche und Klänge erzeugen.
Können Bücher töten? Menschen töten. Menschen schreiben. Menschen lesen. Während die einen im Namen der Bibel oder des Koran töten, finden andere gerade in diesen Werken Frieden, Hoffnung und den Grund ihres Seins. In ein und dem demselben Buch spiegeln sich Liebe und Hass, Frieden und Krieg. Doch in einer Bibliothek stehen mehr als ideologisch geprägte, theologische, politische, soziologische philosophische oder historische Werke. Wir finden in ihren Tiefen Mythen, Märchen, Sagen und Legenden, aber auch profane, scheinbar objektive Wahrheiten wie Gesetzestexte, medizinische Rezepte und pharmakologische Rezepturen, Kochbücher, Gesundheits- und Diätratgeber, Chemie- und Physikbücher … Wie viele Menschen wurden ihre Opfer? Wie viele folgten ihren Anweisungen, nahmen sie wörtlich, wendeten sie an zum eigenen und zum Schaden anderer?
Ein Requiem. Bücher, die töten. Fragen steigen auf: Wie buchstabengläubig bin eigentlich ich? Wie gehe ich um mit dem geschriebenen Wort? Mache ich mir das Gelesene zu eigen und lasse anderes nicht mehr gelten? Stelle ich mich gegen den Strom, wenn Ideen, welcher Art auch immer, beginnen, sich zu verselbständigen? Requiem für alle, die durch ein Buch getötet wurden. Das erinnert an vergangene und aktuelle Ereignisse. Eine Auswahl mag für die vielen stehen:
- 10. Mai 1933: Bücher brennen in ganz Deutschland, auch in unmittelbarer Nähe der Staatsbibliothek München. Menschen vernichten Bücher, die den nationalsozialistischen Machthabern als gefährlich und subversiv gelten. Sie folgen Adolf Hitler. Sein Buch „Mein Kampf“ ist bis heute verboten, weil es Rassenhass und Völkermord geschürt hat, weil es zur ideologischen Grundlage für Weltkrieg und Massensterben wurde.
- 27. November 1095: Papst Urban II. ruft zur Befreiung Jerusalems und der heiligen Stätten im Osten auf. Einige Monate später folgen viele Gläubige Predigern wie Peter von Amiens. Sie ziehen in den Krieg gegen die Muslime. Der erste Kreuzzug beginnt mit der Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Mainz, Köln, Worms, Speyer und Trier. Die Mörder berufen sich auf die Bibel.
- 26. Juni 1929: Durch eine Straflagerreform wird durch Josef Stalin in der Sowjetunion das GULAG-System perfektioniert. In Straflagern, Gefängnissen, durch Zwangsarbeit oder in der Verbannung sterben Millionen von Menschen. Für die Entstehung des Kommunismus, des Marxismus-Leninismus und damit auch des Stalinismus wird unter anderem ein Buch verantwortlich gemacht: Das dreibändige „Kapital“ von Karl Marx und Friedrich Engels, erschienen in den Jahren 1876 bis 1895.
- Im Frühjahr 1774 schreibt Johann Wolfgang von Goethe den Roman „Die Leiden des jungen Werthers“. Die Lektüre, heißt es, habe etliche junge Männer dazu gebracht, sich selbst zu töten. Noch heute wird bei Nachahmungssuiziden vom „Werther-Effekt“ gesprochen.
- 1487 verfassen Heinrich Institoris und Jakob Sprenger den „Hexenhammer“. Er bildet im 16. und 17. Jahrhundert die kirchlich-theologische Legitimation für die grausame Folterung und Hinrichtung zahlloser Männer und Frauen.
- Im Jahr 1966 beginnt in China die „große proletarische Kulturrevolution“. Die Roten Garden folgen den Ideen der „Mao-Bibel“, den „Worten des Vorsitzenden Mao-Tsetung“. Allein in Tibet sterben mehr als eine Million Menschen.
- 11. September 2001: Die Männer, die das World Trade Center zerstören und Tausende von Menschen töten, berufen sich auf den Koran. Zahlreiche Attentate und Selbstmordattentate werden im ausgehenden 20. und im 21. Jahrhundert im Namen des Propheten Mohammed begangen.
Ortstermin Staatsbibliothek: Eine Aufführung beginnt. Das Plaudern, Füße scharren und Rascheln der Menschen verstummt. Schweigen. Ort, Worte, Geräusche, Klänge, Bewegungen, Bilder, Ausführende und Zuhörende tauchen ein in die Präsenz des Augenblicks. Requiem für alle, die durch ein Buch getötet wurden.
Angela Stüber